Gymnasium vs. Realschule: 0:1?

Bayern verfügt als eines der wenigen Bundesländer in der Sekundarstufe I über ein dreigliedriges Schulsystem mit Mittelschule (früher Hauptschule), Realschule und Gymnasium. Politische Organisationen und Verbände, wie z.B. die SPD oder die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprechen sich zum Teil gegen diese Aufteilung aus, andere, insbesondere die Landesregierung, verteidigen das System. Tatsächlich konnte der Freistaat in den letzten Jahren immer wieder Erfolge vorweisen: Im bundesstaatlichen Vergleich konnte Bayern immer gut, sehr gut oder als Bester bei Ländervergleichen abschneiden. Somit ist doch alles Bestens im Schulsystem, oder?

Das bayerische Gymnasialsystem wird nun seit nunmehr 13 Jahren umgebaut. Erst wurde Anfang 2000 ein neuer Lehrplan eingeführt, der kaum ein Jahr gültig war. Dann kam 2013/14 die Entscheidung für das G8, die einen weiteren Lehrplan nach sich zog. In den Anfangsjahren des G8 musste das Kultusministerium eingreifen und Schülerergebnisse „nachjustieren“. Laut Schüler- und Elternmeinung war der G8 Lehrplan viel zu wenig entschlackt und der Druck zu groß. Nach wenigen Jahren wurde dann das „Flexibilisierungsjahr“ eingeführt. Schüler konnten nun nach Antrag das Abitur nun doch wieder in neun Jahren machen. Dafür sollte der Stoff in der Mittelstufe gestreckt werden. 47 Pilotgymnasien testeten seit dem Schuljahr 2015/16 das Konzept „Mittelstufe Plus“, bei dem dem Schüler in der Mittelstufe mehr individuelle Lernzeit zugestanden wird und der Nachmittagsunterricht wegfällt, also ein „G9 light“. Im Schuljahr 2017/18 kommt der neue Lehrplan, der sogenannte Lehrplan Plus und Anfang April 2017, sechs Jahre nach dem Doppelabitur 2011 und zahlreichen Maßnahmen , soll nun das offizielle G9 wieder beschlossen werden. Ohne Nachmittagsunterricht und einer neugestalteten Oberstufe. 2023 werden die ersten bayerischen Abiturienten ihr G9 Abitur ablegen.

Während dieser Zeit hat die Realschule ihr Schulprofil deutlich gestärkt und wurde zunehmend attraktiver, nicht zuletzt auch, da es keine tiefgreifenden Verschlimmbesserungen wie beim Gymnasium gab. Slogans wie „das bessere Abitur an der Realschule“ oder „der beste Umweg zum Abitur“ (Quelle) wurden verbreitet. Nicht zu Unrecht: Wer die Realschule abgeschlossen hat, kann in Bayern über Fachoberschulen und Berufsoberschulen in ein bis drei Jahren eine fachgebundene Hochschulreife und bei ausreichenden Kenntnissen einer zweiten Fremdsprache sogar die allgemeine Hochschulreife erlangen. In Hessen akzeptieren Universitäten bereits Studenten mit fachgebundener Hochschulreife. Wer ein Spätzünder ist, kann in Bayern an 78 Gymnasium in einer sogenannten Einführungsklasse von der Realschule auf das Gymnasium wechseln.

Provokativ gesagt kann man über die Realschule ohne Nachmittagsunterricht, ohne das Fach Latein, ohne zweite Fremdsprache in der sechsten Klasse und ohne strukturelle Unwägbarkeiten in genau der selben Zeit das selbe Ziel erreichen. Das vollwertige Abitur. Theoretisch.

Die SZ schreibt hierzu in einem Artikel (Quelle) von 2013, dass berufliche Oberschulen in Bayern 42% der Studienberechtigungen stellen. Es wird aber nicht genannt, ob sich die Studienberechtigungen auf Fachhochschulen, auf Universitäten oder auf beides beziehen. Das Statistische Bundesamt nennt für 2014 eine Zahl von 14,7% bei der Studienberechtigungsquote in Bayern für die Fachhochschulreife, also dem fachgebundenen Abitur im Vergleich zu 31,4% bei der allgemeinen Hochschulreife, also dem „echten“ Abitur (Quelle).

Was kann das bedeuten?

Bedeutet das, dass 58% der Studenten an Universitäten ein „echtes“ Abi haben? Oder sind die 42% nur an Fachhochschulen? Ist es statistisch belegt, das Realschüler dann über die FOS/BOS auch auf die Universität gehen, um Medizin zu studieren oder handelt es sich dabei nur um eine statistisch-theoretische Möglichkeit? Ist es realistisch Eltern zu sagen, dass ihren Kindern bei einem Realschulbesuch immer noch alle Wege offen stehen?

Eltern in ländlichen Gebieten stellen sich diese Fragen nicht. Sie haben sich schon entschieden: Die deutlichere Berufsorientierung und der Praxisbezug der Realschule zusammen mit der theoretischen Möglichkeit ein vollwertiges Abitur zu erlangen, lassen das Kuddelmuddelabitur am Gymnasium schlecht aussehen. Die Übertrittsquoten der Gymnasien sinken und die der Realschulen nehmen zu (Quelle). Im städtischen Bereich sind die Übertrittsquoten noch konstant, aber im ländlichen Bereich gibt es deutliche Einbrüche.

Während das Gymnasium sich erneut mit sich selbst beschäftigt, kann die Realschule ihren Erfolgskurs weiterfahren. Ist die Realschule vielleicht tatsächlich der „bessere Weg zum Abitur“? Wie wird es im bayerischen Schulsystem weiter gehen? Klar ist, dass das Gymnasium jetzt einen Treffer braucht.

 

 

Bildquelle: wikimedia.org; Ludwig Spänle; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

 

 

 

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