digitale Schulbücher – der Stand der Dinge

Seit 2014 ist deutlich Bewegung in die Schulbuchlandschaft gekommen: Hatten bisher große Verlage, wie z.B. Klett eigentlich gar keine digitalen Angebote (bis auf ein paar wenige Ausnahmen, z.B. Übungssoftware), so war der Start der Online-Schulbuchplattform Scook von Cornelsen im Jahre 2014 wie ein Startschuss ins Rennen um die digitale Vorherrschaft auf dem Schulbuchmarkt. Seitdem haben nahezu alle Schulbuchverlage unterschiedliche Angebote und Konzepte, um ein digitales Schulbuch oder digitale Materialien an den Kunden zu bringen. Hier sollen am Beispiel der Verlage Klett, Westermann und Schroedel typische Entwicklungen und Probleme rund um das digitale Schulbuch kurz dargestellt werden:

Erstens – Was passiert mit alten Schulbüchern?

Alte Schulbücher, wie z.B. das gute Green Line New von Klett, das 2003 auf den Markt kam, wird nicht mehr um digitale Angebote erweitert. Bei einem persönlichen Gespräch mit einem Schulbuchverlagsmitarbeiter von Klett auf einer RLFB wurde bestätigt, dass hierfür kein Interesse von Seiten des Verlags besteht. Selbst einfache Angebote, wie z.B. die 1:1 Umsetzung eines alten Schulbuchs als kaufbares .pdf -Dokument sind nicht angedacht. Verständlich, wenn man bedenkt, dass eine solche Lösung völlig plattformunabhängig und ohne digital-rights-management die Lebensdauer dieses Schulbuchs „unnötig“ verlängern könnte. Das kann natürlich nicht das Ziel eines umsatzorientierten Verlags sein. Derzeit gibt es keine digitalen Angebote von Klett für ältere Schulbücher. Man kann also davon ausgehen, dass alte Bücher kein zweites digitales Leben bekommen werden.

Zweitens – die digitale/analoge Zweigleisigkeit:

Die Verbindung von analogem Schulbuch und digitaler Version bleibt auch in absehbarer Zukunft weitestgehend erhalten. Wer ein Schulbuch kauft, bekommt im Umschlagdeckel die Zugangsdaten für seine digitale Version. Das ist ebenfalls verständlich, da eine rein digitale Schiene viele Schulen davon abhalten würde, diese Angebot zu nutzen. Man fährt zwangsläufig zweigleisig und behindert sich dadurch auch selbst: Die Umsetzung eines analogen Buches in die digitale Form hat keinen echten Mehrwert. Das digitale Medium kann seine größeren Fähigkeiten zur Anschaulichkeit, zum Feedback oder zur Differenzierung duch Zusatzangebote, kaum oder gar nicht nutzen. Hier sind Lernplattformen überlegen.

Drittens – echte E-books mit Mehrwert?

Da Schulbuchverlage nicht auf der bayerischen Lernplattform mebis vertreten sein dürfen, da hier schülerbezogene Daten hinterlegt sind, versuchen sie ihre eigenen Lernplattformen und Lernumgebungen zu etablieren: Für den Lehrer sind dies sogenannte Regale, in denen ihre Lernwerke online und offline zur Verfügung stellen. Im Fall von Scook sind hier Amerkungs- und Editierwerkzeuge verfügbar, mit denen der Lehrer seinen Unterricht digital vorbereiten kann.

scook

Bildquelle: Scook – Bearbeitungsseite (www.scook.de)

Für den Schüler gibt es Vokabellernplattformen, Lernapps oder Internetseiten zum Üben. Letztendlich scheitern diese Angebote von Lehrerseite daran, dass nur die Arbeitsform anders ist. Ob ich meinen Unterricht digital oder wie früher ganz normal mit Papier und Stift vorbereite, ändert nichts an der Qualität oder dem Arbeitsaufwand. Die aktuellen Online-Schulbücher sind also von drei Seiten eingeschränkt: Sie können keine echte Lernumgebung schaffen, da der Datenschutz dies nicht zulässt. Sie müssen den Spagat zwischen analoger und digitaler Version machen und sie sind für den Lehrer bezüglich des Arbeitsaufwandes noch unattraktiv. Das Paradebeispiel ist die Bearbeitungsumgebung auf Schulbuch-digital.de für pdf-Dokumente. Diese ist so rudimentär und schlecht bedienbar, dass man sie eigentlich nicht effektiv nutzen kann.

klett-abrietsoberflache

Bildquelle: Klett – Bearbeitungsseite (www.klett.de)

Viertens – der verlorene Kampf in der Oberstufe

Der Kampf um das Schulbuch findet zunehmend nur noch in der Unter- und Mittelstufe statt. In der Oberstufe haben sich die Kolleginnen und Kollegen schon lange ihre Materialien und Aufgaben digital auf mebis bereitgelegt. Hier lag das Problem z.B. im Fach Englisch daran, dass hier Originaltexte aus bekannten Zeitungen verwendet werden, die sowieso online verfügbar sind. In anderen Fächern mag dies vielleicht anders sein.

Vergleiche: Links der Originaltext von der Washington Post und rechts der Schulbuchtext

Bildquelle: links www. washingtonpost.com. Rechts Green Line New Bayer für 11/12

Klett hat sich wohl auch deshalb dazu entschlossen seine aktuellen Lehrwerke hier umsonst als absolut identische .pdf mit einer Einjahreslizenz in einer Readerumgebung (Flashumgebung am PC) kostenlos anzubieten.

Fünftens -die Fragmentierung und Unübersichtlichkeit der Angebote:

Scook ist die Arbeitsplattform von Cornelsen und ausschließlich für Cornelsen Produkte. Klett hat seine eigene Plattform, auf der sich links und Zusatzmaterialien für Schulbuchinhalte befinden. Beide Anbieter lassen sich zusammen mit 21 anderen Verlagen oder Verlagsteilgruppen auf digitale-schulbücher.de finden. Hier ist die zentrale Verwaltung, aber nicht die Bezugsquelle für digitale Schulbücher. Wer das Schulbuch nutzen möchte, kann die App oder die Softwareanwendung von digitale-Schulbücher.de installieren oder eine Onlineversion nutzen. Kaufen muss er es auf der Seite des Verlags und mit einem Freischaltcode auf schulbuch-digital.de freischalten. Das bedeutet verkürzt: Die Bücher befinden sich alle an einem zentralen Ort, die Materialen sind aber wo anders.

scook-startseite

Bildquelle: Startseite von Scook (www.scook.de)

digitale-schulbucher

Bildquelle: der Startbildschirm von digitale-Schulbücher.de mit zwei geladenen Büchern. (www.digitale-schulbücher.de)

Sechstens – der komplexe Kaufvorgang und die begrenzte Nutzungsdauer

Der Kauf des Onlinebuches erfolgt auf der Seite des Verlags. In diesem Beispiel auf der Seite des Schroedel-Verlages, also der Westermann Gruppe. Hier gibt es verschiedene Angebote: natürlich die gedruckte Fassung, die digitale Jahreslizenz für 9,50 Euro, eine kostenlose digitale 30-Tage Testversion und eine Print-Plus-Version ausschließlich für Schulen (Preis wird nicht angezeigt). Bereits hier tauchen zahlreiche Fragen auf, die potentielle Kunden verunsichern: Wenn man die Print-Version hat, kann man dann auch die Online-Version umsonst bekommen? Hat man mit Schulbuchschlüssel auch nur ein Jahr lang Zugang? Was ist, wenn sich in meinem Schulbuch kein Schlüssel befindet? Was kostet die digitale Schulversion für meine Schule? Man bekommt sofort den Eindruck, dass die Printversion die erste Wahl sein sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “digitale Schulbücher – der Stand der Dinge

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