„Der Verrat des Schulsystems an unseren Kindern“ – Richard David Precht über Schule

Schon seit einigen Jahren rüttelt der Philosoph und Publizist Richard David Precht am deutschen Schulsystem. Zuletzt in der Fernsehsendung bei Markus Lanz.

hier das Video.

Es gibt einige Punkte bei diesem Interview, denen ich als Lehrer ganz klar widersprechen muss und die richtig gestellt gehören, da sonst das bereits diffuse Bild von Schulen in der Öffentlichkeit noch undeutlicher und verzerrter wird.

Um meine Position vorweg klar zu stellen: Ich würde Herrn Precht in einigen Punkten zustimmen, wenn diese nicht dermaßen absolut formuliert wären. Er ist zu verallgemeinernd, wenn er behauptet, dass Schulen den Kindern die Kindheit nähmen, dass Schulen nur das hohe Bildungsniveau im Blick hätten oder dass Lehrpläne nichts mit Bildung zu tun hätten. Leider befinden sich daneben auch, in meinen Augen, echte Falschaussagen.

Er äußert zahlreiche weitere Punkte, die ich unten chronologisch kommentieren möchte:

bei 1:00

Das Gedankenmodell „Gesellschaft ohne Schule“ ist publikumswirksam und nur auf den ersten Blick logisch. Woher kommen denn die genannten Entwicklungspsychologen, Kinderspychologen und Lerntheoretiker wenn Bildung und Lernen keinen Platz in einer Gesellschaft hat? Dieses Modell funktioniert ausserdem für jeden denkbaren Ist-Zustand in unserer Gesellschaft, da nichts in einer Gesellschaft zu 100% perfekt ist und deswegen alles ein gewisses Verbesserungspotential hat. Hier ein Beispiel:

„Die Menschen sind heute von der Politik enttäuscht. Wenn wir die Möglichkeit hätten eine bessere Regierung zu erfinden, wie müsste diese dann aussehen? Wir würden uns Hilfe bei Politologen, Historikern und Anthropologen holen und das Ergebnis sähe zu 95% anders aus, als die jetzige Regierungsform …“

Ein Bildunssystem kann sich sehr wohl aus sich heraus weiterentwickeln und das tut es auch.

bei 1:19

Herr Precht stellt die Frage, wie gute Schulen der Zukunft aussehen sollen, hält aber fest, dass diese Frage keine Bedeutung im Bildungssystem habe. Dem muss man widersprechen. Schulen werden regelmäßig evaluiert, also extern bewertet, um diese zu verbessern. Seitdem ich Lehrer bin, haben sich viele Dinge positiv verändert. Dies fängt mit grundlegenden Dingen, wie einer guten Essensversorgung an, geht über die Nachmittagsbetreuung und hört bei unterschiedlichen Schulentwicklungsprogrammen (z.B. „Gute und gesunde Schule“) noch lange nicht auf. Auch auf pädagogischer Seite wird viel getan. In Bayern laufen z.Z. Schulversuche zur Mittelstufe und zum Lernen mit den Neuen Medien. Schule entwickelt sich sehr wohl weiter. Vielleicht sogar etwas zu schnell. Seine Aussage/Implikation ist falsch.

bei 3:00

Herr Precht postuliert, dass das Bildungssystem auf einer falschen Gundannahme beruht, nämlich der preußischen Kaserne und dass demzufolge die moderne Gesellschaft keinen Nutzen mehr davon hat, da wir in der heutigen Gesellschaft keine industriell arbeitenden, unkritischen Aufgabenerfüller benötigen. Hier sagt er mehr oder weniger direkt, dass die Schulen ein falsches „Endprodukt“ auf den Arbeitsmarkt werfen: Einen unselbstständigen, unkreativen und kritiklosen Erfüllungsgehilfen.

Schule ist schon lange keine Kaserne mehr. Sie ist Lebensraum für die Schulfamilie geworden. Am Nachmittag bieten Lehrer Wahlunterricht an, es gibt gemeinsame Aktivitäten, Sportprogramme aber auch Rückzugsorte. Man kann ein Musikintrument lernen, Apps programmieren lernen oder im Chor singen oder, falls notwendig, Schülernachhilfe in Anspruch nehmen. Mehr kann ich Herrn Precht hier gar nicht widersprechen und hoffe, dass sich das Bild der Kaserne nicht bereits in der breiten Öffentlichkeit festgesetzt hat. Schule ist keine Kaserne. Schule ist Lern- und Lebensort. Herr Precht stellt diesen Punkt grundsätzlich falsch dar.

Die jungen Menschen, die unsere Schule mit ihrem Abschluss verlassen sind alles andere als das, was der preußische Staat einstmals einforderte. Es war schon immer das höchste Ziel von Schule, kritische, hinterfragende, selbstbewusste und selbstständige junge Menschen zu formen. Manchmal gelingt das nicht, aber oft genug schon, so dass ich behaupten kann, dass Herr Precht hier so stark verallgemeinert, dass diese Aussage als falsch eingestuft werden muss.

bei 4:00

Herr Precht kritisiert, dass die Schulen nicht für den hochanspruchsvollen Quartären Sektor, also den Dienstleistungssektor, ausbilden. Er spricht hier vom Beruf des Managers, Scout für ???-Defizit (hier verstehe ich das Wort nicht), Verfasser von Parteiprogrammen oder Spin Doctor. Wer schreibt denn dann heute die Parteiprogramme in Deutschland? Sind das hochausgebildete Fachleute aus dem Ausland? Wer sind denn dann die Manager in den großen deutschen Betrieben? Und wer analysiert die Meinungsbilder und berät einen deutschen Politer in seinem Wahlkampf? Das sind die ehemaligen Schüler des deutschen Bildungssystems. Hier verunsichert Herr Precht sein Publikum mit ein paar hochtrabenden Berufsbezeichnungen, aber hier zeigt sich auch deutlich,wie dünn seine Argumente sind. Das deutsche Bildungssystem liefert schon seit vielen Jahrzehnten die Top-Riege der Führungspositionen im wachsenden Quartären Sektor und das nicht nur in Deutschland. Sein Argument ist unlogisch und falsch.

bei 5:00

O-Ton: „Es schadet überhaupt nicht, wenn ein Krankenpfleger eine starke kreative Persönlichkeit hat.“ Nach kurzem Nachdenken wird einem sicher bewusst, wie herablassend und unsinnig diese Aussage ist. Es würde auch nicht schaden, wenn dieser Krankenpfleger eine hohes Fachwissen über Geriatrie hätte und aufgrund seiner hohen Kompetenz auch Menschen behandeln könnte. Leider wäre dann dieser Krankenpfleger kein Krankenpfleger mehr sondern Facharzt für Altenheilkunde und unsere Gesellschaft würde zusammenbrechen. Damit aber unser Gesellschaftssystem weiter bestehen darf, darf der Krankenpfleger „Kreativität“ aus dem Schulsystem für sich mitnehmen.

bei 6:00

Herr Precht kritisiert die Abfolge der Fächer, wie sie an einem normalen Schultag aufeinander folgen. Schüler seien nicht in der Lage, zwischen den Fächern zu wechseln und wären deshalb überfordert oder nicht interessiert. An diesem Punkt mag etwas dran sein, aber Herr Precht nennt keine Lösung zu diesem Problem. Vielleicht auch deshalb, weil es keine gibt? Wenn man diese Struktur auflösen möchte, sehe ich nur zwei Möglichkeiten: Das Ganztagesinternat oder den Privatlehrer. Für wieviele Menschen sind dies echte Alternativen zur Schule?

bei 6:45

Herr Precht stellt die Frage nach der Wortgruppe des Wortes „manche“, wie es anscheinend in einem 5. Schuljahr (Schulart wird nicht klar genannt) gelehrt wird. Er deklariert dies als „unnützes Wissen“ und führt an, dass 87% der Germanistikstudenten nicht wüssten, worum es sich dabei handle. Warum sollte man dann Kinder im 5. Schuljahr damit traktieren? Es wäre auch interessant zu wissen, was diese 87% der befragten Studenten auch nicht können. Wie sieht es aus mit einem deutschen Gedicht? Oder ein komplettes Lied singen, den Schalenbau der Erde beschreiben können. Wahrscheinlich könnte man ganze Bücher mit dem füllen, was diese 87% nicht wissen. Vielleicht sollte man auch mal die 13% fragen, was sie von ihren Kommilitonen halten, die nicht in der Lage sind, die Wortart der Indefinitpronomen zu identifizieren. Ich gehe davon aus, dass diese Studenten in der 5. Jahrgangstufe besser hätten aufpassen sollen, da sie an ihrer Hochschule höchstwahrscheinlich keine rosige Zukunft haben werden.

Letzendlich geht es ja gar nicht darum zu wissen, welche Wortart das ist, sondern um die Fähigkeit sie zu benutzen oder von anderen Wortarten abzugrenzen. Um mit Indefinitpronomen im Unterricht arbeiten zu können, benötigt man nun mal eine Bezeichnung dafür. Beipiel: Erkläre, warum dieser Satz in einem polizeilichen Bericht zu ungenau wäre. „So manchen hat man dort gesehen.“ Ersetze die Pronomen im Satz, sodass die Satzaussage deutlich genauer wird. Durch die Kenntnis des Wortes Pronomen wird die Ausdrucksfähigkeit eines Schülers geübt und verbessert und nicht das Faktenwissen erweitert.

Hier noch vier  Beipiele für Wissen aus der 5. Klasse Gymnasium Englisch und Geografie (Bayern), die später im Leben nicht dringend aktiv benötigt werden und den selben Effekt erzeugt hätten:

Was ist ein Possessivbegleiter?

Was ist ein modales Hilfsverb?

Was ist ein Kar?

Welcher Längenhalbkreis geht durch einen Londoner Vorort?

Wenn man diese Begriffe kennt, versteht und mit ihnen arbeitet, bildet sich bestenfalls vernetztes Wissen, das sich z.B. in Ausdruckfähigkeit und dem Erfassen komplexer Zusammenhänge widerspiegelt.

bei 8:10

Das ist ein sehr schönes Zitat. Hier eins von Galileo Galilei: „Man kann den Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

bei 10:00

Herr Precht refinanziert die Umstrukturierung des Bildungssystems über das Kindergeld. Das klingt gut. Aber was machen wir dann mit den Milliarden? Wer bekommt das Geld? Wie setzen wir es ein?

Herr Precht dekonstruiert das Bildungssystem, indem er radikale Ansichten und Meinungen in die politische-pädagogische Diskussion einbringt. Dafür bekommt er Applaus und Zustimmung. Ich als Lehrer versuche das Bildungssystem von innen zu stützen und zu verbessern. Für meine Arbeit leistet Herr Precht mir einen Bärendienst.

 

Bildquelle: Wikipedia (CC-Lizenz)

 

 

Ein Gedanke zu “„Der Verrat des Schulsystems an unseren Kindern“ – Richard David Precht über Schule

  1. M.Post

    Getroffene Hunde bellen, heißt es. Ihre „Richtigstellungen“ entbehren jedweder Argumentation, und würden Neudeutsch als „mimimi“ klassifiziert. Was diese 87% auch nicht wissen lenkt vom Kern des Problems ab. Denn, ein Germanist musst den Aufbau des Erdkerns nicht kennen, sehr wohl aber Indefinitpronomen…nicht wenige davon werden später Deutsch unterrichten. Noch dazu sollte jemand wie sie, der keinen naturwissenschaftlichen Background hat sich hüten, mit Vorurteilen und ungeprüften Mutmaßungen um sich zu werfen, Herr Lehrer. Diesen 87% mangelnde Aufmerksamkeit (hätten besser aufpassen sollen) und eine schlechte Laufbahn zu prognostizieren zeigt doch, dass sie gar nichts von innen verbessern konnen, sondern Teil des Problems sind) zu unterstellen ist dann mal wieder ein Attrubutionsfehler, und zeugt von einer Aggresionsverschiebung, weil sie offensichtlich nicht die nötigen Kompetenzen besitzen um metakogintiv zu arbeiten. Nosce te ipsum. Schüler, die schlechte Lehrer haben, haben dasselbe Problem wie Schüler, die Opfer schlechter Methodik sind…sie lernen unzureichend und entwickeln unzureichende Denkstrategien. Ich unterrichte übrigens aktuell Lehramtsstudenten und Vorurteile und Personenwahrnehmung waren die letzten beiden Seminarthemen. Sie hätten vielleicht auch mal von einer pädagogisch-orientierten, psychologisch geschulten Seminarleitung profitieren können. Denn beides geben sie hier zum Besten. Andererseits sollten Lehramtler vielleicht auch bei den Klausuren mal ein ähnliches Pensum absolvieren, wie die Psychologen. Seien es pädagogische Psychologie, Entwicklungspsychologie, Biopsychologie…überall liefern sie nur die halbe Leistung ab, Neurodidaktik lernen sie an kaum einer Universität, und dann nur 1. Semester…Studien und Erfahrungen geben Precht recht. Müssten sie eigentlich wissen, als Pisa-Versager. Wer derart provokativ daherkommt muss manchmal auch von seinem hohen Ross gestoßen werden. Schauen sie nach Finnland, schauen sie nach Kanada, Deutschlands Art zu lernen wird nicht durch Digitalisierung besser (dazu sollten sie sich vielleicht auch mal Biopsychologisch oder in Neuropsychologie weiterbilden), Menschen sind von Natur aus intrinsisch motivierte, spielende, und ausdauernde Lerner…wunderbar zu sehen, wenn man Studien mit Babies, oder Kindern bis 7 Jahre durchführt (als Lehrer haben sie natürlich keinen entsprechenden wissenschaftlichen Background, ich betone das sehr gerne nochmal, da sie sich ganz offensichtlich unreflektiert anmaßen, andere Wissenschaftler zu diskreditieren und ihre Schüler dürfen ruhig wissen, dass sie nicht das hellste Licht sind, sondern lediglich irgendein Hinz und Kunz und keine Forscherkarriere hinlegen konnten und das schönste am Lehrersein für sie die Ferien sind, die in keinem Verhältnis zur arbeitenden Bevölkerung stehen und sie trotz nicht erbrachter Leistungen nicht gekündigt werden).

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