Wo ist der didaktische Ort für das Internet und den Computer?

Unter „didaktischem Ort“ versteht man eine zeitlich begrenzte Phase im Schulunterricht, in der sich Schüler mit einer bestimmten Methode mit dem Stoff auseinandersetzen. Es gibt z.B. die sogenannte Erarbeitungsphase. Hier wird der Stoff im Klassenverband besprochen und vielleicht ein Tafelbild dazu entwickelt. Dann gibt es noch z.B. die Sicherungsphase. Hier wird durch Verständnisfragen oder durch Übungen überprüft, ob die Teilziele verstanden wurden. Es gibt noch weitere didaktische Orte, die oftmals ähnliche Bedeutungen haben können und ineinander übergehen, z.B. die Instruktionsphase, die Motivationsphase, der Transfer, die Übungsphase u.v.m.

Wo kann passt da die Nutzung der Neuen Medien am besten rein?

Ganz klar: in die Übungsphase. Die Übungsphase ist die Phase im Unterricht, die organisatorisch am schwierigsten ist, da gute Schüler schnell und schwächere Schüler nur langsam mit ihren Übungen fertig werden. Eigentlich bräuchte jeder Schüler gemäß seiner Leistungsfähigkeit die passenden Übungen und Aufgaben, sowohl in quantitativer und auch qualitativer Hinsicht. Da aber eine Schulstunde nur 45 Minuten lang ist, beenden alle Schüler spätestens dann ihre Übungsphase, ganz gleich, ob sie noch mehr Übung bräuchten oder nicht. Zuhause ist echtes Üben kaum möglich, da einem das Schulbuch eigentlich kein Feedback gibt. Früher gab es in Mathebüchern Quersummen, die einem angezeigt haben, ob das berechnete Ergebnis stimmt und bei englischen Workbooks stehen hinten die Lösungen drin, aber das war’s dann auch schon. Individuelles Feedback, Fehlerkorrektur oder passende Hilfestellungen gibt es hier nicht. Selbst in Intensivierungsstunden endet die Übungsphase spätestens nach dem Gong. Für manchen Schüler einfach zu früh.

Aber wie kann ein Computer echtes Feedback geben? Hiermit beschäftigt sich der Schulversuch „lernreich 2.0“. Hier versucht man auszuloten, wieweit digital gestütztes Lernen zum Üben und für ein Feedback genutzt werden kann. Dieser Schulversuch nutzt die Möglichkeiten der Lernplattform „mebis“ und versucht Konzepte zu erstellen, mit denen man jedem Schüler seine Übung, sein Feedback und seinen Lernerfolg geben kann. Die ersten Ergebnisse dieses Schulversuchs werden bereits in Fortbildungen multipliziert (hierzu einfach mal bei FIBS vorbeischauen). Die Individualisierung auf den Schüler erfolgt durch Programmierung (aha! Da ist er wieder der „programmierte Unterricht“). Für Fächer wie Physik und Mathematik funktioniert die Umsetzung schon mal gut, da z.B. bestimmte Aufgaben durch eine Programmierung automatisch in ihren Zahlenwerten geändert werden können. Die Lernplattform erstellt somit immer wieder neue Aufgaben, die nach dem gleichen Schema gelöst werden können. Bei Problemen können nach und nach mehrere Tipps gegeben werden. Bei richtiger Eingabe erhält der Schüler die Information, dass er es richtig gemacht hat. Also mindestens drei Vorteile, die herkömmliches Üben zu Hause nicht haben.

In Fächern, wie z.B. Englisch funktioniert die Umsetzung ähnlich, aber nach anderen Prinzipien. Dadurch dass man sich schon in einem multimedialen Medium bewegt, sind multimediale Inhalte das Mittel der Wahl. Hörverständnisübungen, die jahrzehntelang nur im Klassenzimmer abgehalten wurden, können jetzt endlich zu Hause erledigt werden. Neben der bekannten Textverständnisübung kann jetzt auch eine Viewing Comprehension-Übung mit einem Video eingesetzt werden. Die Traditionellen Übungsformen, wie z.B. Grammatikaufgaben können ebenfalls in mebis umgesetzt werden, plus gestaffelten Hilfestellungen, einem Abschlussfeedback und der Aussage, ob die Bearbeitung richtig oder falsch war.

Die Übungsphase hat noch einen entscheidenden Vorteil: Es ist die Phase der individuellen Stillarbeit. Also die Phase, in der keine/kaum soziale Interaktion mit den Mitschülern stattfindet. Wenn ein Schüler zuhause oder in der Schule intensiv übt, dann macht er dies zumeist im Stillen und allein. Das war früher so und wird mit dem Computer oder dem Tablet nicht anders. Wenn sich Lehrer beklagen, dass der Computer und die Tablets die soziale Interaktion und Kommunikation unterdrücken, dann sollten sich die Kollegen nochmal Gedanken darüber machen, ob sie die Neuen Medien am richtigen didaktischen Ort einsetzen. Wahrscheinlich nicht.

Natürlich kann man den Mehrwert der Neuen Medien auch in anderen Phasen aktivieren, z.B. zur Steigerung der Anschaulichkeit. Man kann die neuen Skills (Tippen, Recherchieren, Präsentieren, Kommunizieren, Reflektieren…) mit in den Unterricht einbauen, dann aber oftmals auf Kosten der sozialen Interaktion.

Die Rolle der sozialen Interaktion im Unterricht wird von jedem unterschiedlich bemessen. Die starken Kritiker sehen darin den Verfall des Abendlandes und den Untergang des humanistischen Ideals, die Kritiker der Kritiker führen an, dass soziale Interaktion bei weiterführenden Schulen zu sehr in den Vordergrund gestellt wurde und immer noch wird. Es ist die Einzelleistung, die einem die gute oder schlechte Note einbringt. Das Abitur bekommt man nicht, bloß weil man gut in einer Gruppe arbeiten kann, jetzt etwas provokativ-flapsig formuliert.

Sobald die technische Ausstattung, die mediale Kompetenz der Schüler und Lehrer vorhanden ist und die didaktischen Konzepte, sprich gutes Unterrichtsmaterial, zur Verfügung stehen, sollte die Übungsphase der Ort sein, an dem primär gearbeitet werden sollte.

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