Alles über YouTube – Teil 1 von 3: YouTube und das Fernsehen

kostenloses YouTube vs. kostenpflichtige Angebote

YouTube funktioniert nach dem Kanalprinzip, das dem Fernsehen entlehnt ist. Hinter einem YouTube-Kanal steckt aber zumeist eine einzelne Privatperson oder eine kleine YouTuber-Gruppe, aber keine größere Sendeanstalt. Wer einen Kanal für sich gefunden hat, kann diesen kostenlos abonnieren und bekommt dann Zugriff auf allen neuen Videos, die hochgeladen werden.

YouTube ist kein Videostreamingportal wie z.B. Netflix, Amazon Prime, Videoload oder Maxdome. YouTube ist grundsätzlich kostenlos und finanziert sich durch vorgeschaltete Werbung. Zudem sind die Inhalte grundlegend unterschiedlich: YouTube verfolgt die Philosophie des „Usercontent für den User“. Soll heißen, dass Privatpersonen kurze Videos für nur relativ wenige Zuschauer kostenlos produzieren. Die anderen Portale setzen auf den Massenmarkt und kaufen oder produzieren mit großem finanziellen Aufwand Fernsehsehproduktionen, die natürlich kostenpflichtig sind.

YouTube: Schrott für 14 bis 22-Jährige

YouTube ist ein junges Medium: Die Zielgruppe liegt bei den 14 bis 22-Jährigen und ist damit deutlich jünger ausgelegt als jeder Fernsehkanal. Zum Vergleich: Die meisten bekannten Fernsehsendungen haben ihre Zielgruppe in den 19 bis 49-Jährigen. Eine Folge daraus sind die sehr jugendspezifischen Thematiken, mit denen sich YouTuber beschäftigen. Viele erfolgreiche Videokanäle auf YouTube behandeln Themen wie Beautytipps, Computerspiele, Kino, Trendsportarten, oder Berühmtheiten. Wir haben also auf der einen Seite ein junges Medium, das billige Inhalte mit geringem Anspruchsniveau für Jugendliche produziert und auf der anderen Seite Sendeanstalten, zum Teil mit GEZ-Einnahmen und Bildungsauftrag, die zum Teil hervorragende Inhalte ausstrahlen.

Geld spielt (k)eine Rolle beim Fernsehen?

Eine wichtige Kennzahl für den Erfolg eines Programms ist der sogenannte Marktanteil in der Zielgruppe. Damit ist Zahl an Zuschauern in einer Altersgruppe gemeint, für die ein Programm konzipiert wurde. Beim Fernsehen ist die gewünschte Hauptzielgruppe 19-49. Das ist die Alterschicht, die für Werbung interessant ist, da sie zumeist berufstätig ist, Geld verdient, liquide ist und konsumiert. Ein erfolgreiches Programm generiert hier aus der Werbung Gewinne. Wird ein Programm ausserhalb dieser Hauptzielgruppe produziert, z.B. eine pädagogisch wertvolle Kindersendung, werden hier weniger Gewinne generiert oder auch Verluste in Kauf genommen oder durch GEZ-Einnahmen kompensiert. Der Marktanteil ist also die Kennzahl für kommerziellen Erfolg, aber natürlich nicht für die Qualität einer Sendung. Zusammengefasst bedeutet das, dass das heutige Fernsehen wirtschaftlich erfolgreiche Sendungen produzieren MUSS, um auch weniger populäre, gute Programme herstellen zu können.

Hier zur Verdeutlichung ein paar bekannte Sendungen mit ihren dazugehörigen Kennzahlen (Quelle: Quotenmeter.de)

„Deutschland sucht den Superstar“ (RTL, Sa., 21. März 2015); 4,19 Mio. Zuschauer. Marktanteile in der Zielgruppe (19-49 Jährige): 13,7%

„Tatort: Mord auf Langeoog“ (ARD, Fr. 20 März 2015); 2,7 Mio Zuschauer. Marktanteile in der Zielgruppe (19-49 Jährige) 11,2%

„Wetten Dass“ (ZDF, 13.12.2014, letzte Sendung); 9,27 Mio. Zuschauer. Marktanteile in der Zielgruppe (19-49 Jährige) 32%

„Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ (RTL, August 2015); ca. 2,7 Millionen Zuschauer. Marktanteile in der Zielgruppe (19-49 Jährige) ca. 17,1%

Gutes Fernsehen rentiert sich kaum noch – aber billig und schlecht schon

Auffallend bei allen Beispielen sind die relativ niedrigen Werte bei den Marktanteilen in der Zielgruppe bei den hochwertigeren Produktionen. Z.B. „Wetten Dass“: Hier wurde das Ziel, eine echte Familiensendung zu schaffen, nur zu knapp unter einem Drittel erreicht. Oder anders formuliert: Über 70% aller „Wetten-Dass“-Gucker waren die falschen Zuschauer. In Schulnoten ausgedrückt wäre das schon die Note 6: ungenügend. Mit Sicherheit besteht der 32%-Anteil nicht aus 0-18-Jährigen. Das belegt schon der demografische Wandel. Es waren einfach viel zu viele 50-110 -Jährige, die sich Samstag Abend Markus Lanz angeschaut haben. Bei den anderen teureren Sendungen das selbe Bild: „Tatort“ und Abendshows werden nicht mehr von liquiden jungen und mittelalten Menschen angeschaut, sondern von alten Greisen, die das Haus nicht mehr verlassen. Anders das Bild bei „GZSZ“. Eine billig produzierte, qualitativ fragwürdige Sendung schafft es sich hinter einem (ehemaligen) Showriesen wie „Wetten Dass“ zu positionieren. Das sind die produktiven Milchkühe in der Fernsehlandschaft.

Provokativ formuliert könnte man sagen, dass das heutige Fernsehen, und damit meine ich öffentlich-rechtliche und private Sender, sich durch Schrott finanziert. Nur ein kurzer Blick ins TV-Programm der öffentlich-rechtlichen Sender lässt hier eigentlich keinen Zweifel mehr aufkommen. Hier nur ein paar Stichwörter: „Rote Rosen“, „Brisant“, „Die Küchenschlacht“, „Hallo Deutschland“ … Bei den privaten Sendern sieht es noch düsterer aus: „Unter uns“, „Verdachtsfälle“, „Auf Streife“, „Alles was zählt“, „Schicksale – und plötzlich ist alles anders“, „X-Diaries“, „Berlin Tag und Nacht“, „Hilfe, ich bin ein Star! Holt mich hier raus!“, … die Liste ist noch lange nicht komplett.

billig und schlecht kann YouTube schon lange

Anspruchslosen Zeitvertreib, bequeme Berieselung, belanglose Unterhaltung, alles das kann YouTube genauso gut wie Fernsehen, wenn nicht sogar besser. Durch die Abonnementfunktion wird ein Video nach dem anderen aus dem Interessensbereich des YouTube-Zuschauers abgespielt. Hier stellt YouTube die größte Konkurrenz zum Fernsehen dar und saugt beständig Zuschauer von den großen Milchkühen der Fernsehwirtschaft ab.

Nicht mehr mit Kanonen auf Spatzen schießen: die perfekte Marktorientierung

Ein Programm gibt es bei YouTube nicht. Der Zuschauer hat sich in den meisten Fällen gezielt sein Video gesucht und seinen Kanal bewusst abonniert, weil er Interesse an diesem Thema hat. Die Werbetreibenden wissen also exakt, welche Interessengebiete ein YouTube-Zuschauer hat, insbesondere wenn er mehrere Kanäle abonniert hat. Die Effizienz der Werbung wird dadurch um ein Vielfaches höher und damit auch der Marktanteil. YouTube-Werbung ist deutlich präziser auf den Konsumenten abgestimmt, als die Werbepausen in einer Samstag Abendshow. Wer einen Handwerkerkanal abonniert hat, bekommt Werbung von Bauhaus vor sein Video geschaltet. Wenn man sich für Grillen interessiert, kommt man an Angeboten der Firma Weber nicht mehr vorbei. YouTube ist für Werbung die perfekte Plattform und relativert die Marktanteile von Fernsehsendungen stark. Ist es nicht besser 95% Marktanteil bei 14 bis 22-Jährigen zu haben, als 9% bei den 19 bis 49-Jährigen? Wenn man die wachsende Kaufkraft von Jugendlichen berücksichtigt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Frage mit Ja beantwortet werden muss.

Ein Riese erwacht

YouTube wurde 2005 gegründet, also noch vor den Zeiten des schnellen Internets. Nachdem in den späteren 2000er Jahren schnelles DSL kostengünstiger wurde und große Datenmengen in Flatrates umgesetzt werden konnten, begann der Aufstieg von YouTube. Diese Zeit wird oft als der Beginn von „Web 2.0“ bezeichnet. Das Internet übernahm plötzlich Funktionen, die vorher nur von anderen Techniken exklusiv beherrscht wurden. Jetzt konnte man mit dem Internet telefonieren, fernsehen oder Musik hören. Festnetztelefon, Röhre und CDs verschwanden aus den Wohnzimmern. Auf dem ersten Smart-TV befand sich bereits eine YouTube-App und nach der Registrierung konnte man sogar Videos in HD anschauen. Etwas, was die großen öffentlichen Sender in Deutschland erst 2010 schafften. YouTube war plötzlich da. Die rasante Erfolgsgeschichte kurz in Zahlen:

  • 2011 hatte YouTube ca. 0,6 Milliarden US-Dollar Werbeeinnahmen, 2013 schon knapp 2 Milliarden (Quelle: Statistica.de)
  • YouTube dominiert den gesamten deutschen Videostreamingmarkt deutlich. 2012 Hatte YouTube 34 Millionen Benutzer, das nächstgrößere Videoportal „MyVideo.de“ hat gerade mal 5,6 Millionen Benutzer. (Quelle: Statistica.de)

(Quelle aller nachfolgenden Daten: YouTube/statistics)

  • YouTube hat mehr als eine Milliarde Nutzer.
  • Täglich werden auf YouTube Videos mit einer Gesamtdauer von mehreren hundert Millionen Stunden wiedergegeben und Milliarden Aufrufe generiert.
  • Die Anzahl der Stunden, die Nutzer jeden Monat auf YouTube ansehen, steigt jährlich um 50 % im Vergleich zum Vorjahr.
  • Pro Minute werden 300 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen.
  • Etwa 60 % der Aufrufe eines Videokünstlers werden außerhalb des Heimatlandes generiert.
  • YouTube gibt es in 75 Ländern und 61 Sprachen.
  • Die Hälfte der Aufrufe werden über Mobilgeräte generiert.
  • Der über Mobilgeräte generierte Umsatz steigt auf YouTube pro Jahr um über 100 %.
  • Über eine Million Werbetreibende nutzen die Plattform; die meisten davon sind kleine Unternehmen.
  • Der erfolgreichste YouTuber in Europa ist ein junger Mann aus Scheden mit den Namen Felix Arvid Ulf Kjellberg. Sein Kanal „PewDiePie“ hat über 34 Millionen Abonennten.

Ich bin mir sicher, dass Programmchefs, Fersehintendanten und Verleger vor Neid erblassen, wenn sie diese Zahlen sehen. YouTube ist keine „Filmchenseite“ mehr, sondern ein milliardenschweres und multinationales Unternehmen, dessen Ziel es ist, die mediale Landschaft zu überprägen. Seit mehreren Jahren investiert YouTube intensiv in neue Formate, sponsort Projekte und stellt Ausrüstung und Know-How zur Verfügung, damit Videokünstler ihre Ideen umsetzen können. Es wäre mehr als verwunderlich, wenn diese Investitionen nicht zu einer Qualitätssteigerung führen sollten.

Wie wird es weiter gehen?

Ich kann aus meiner Wahrnehmung nicht bestätigen, dass sich in der Fernsehlandschaft deutliche Veränderungen abzeichnen. YouTube ist das klare Gegenteil hierzu. Monatlich gibt es neue, bessere und anspruchsvollere Formate. Immer wieder entdecke ich einen Kanal, der mich interessiert, immer wieder bin ich von YouTube positiv überrascht. Meine Aboliste wächst stetig und genauso stetig sinkt mein Fernsehkonsum. Für mich hat Fernsehen schon etwas dinosaurierhaftes an sich, insbesondere wenn es um Unterhaltung geht. Für mich ist die Absetzung von „Wetten Dass“ das Symbol des Untergangs des alten Fernsehens geworden. Die bekannten Sender versuchen zwar über Mediatheken ihren Anteil am Internetfernsehen zu ergattern, können aber mit der innovativ-progressiven Wachstumspolitik von YouTube nicht mithalten. Dann kommt es noch zu hilflos wirkenden Aktionen der großen Fernsehanstalten sich modern und multimedial darzustellen. Man kann jetzt alle Tatortfolgen auf YouTube in HD anschauen (zwischen 5000 und 70.000 Aufrufe). Ob das der richtige Weg sein kann? Ein altes Format einfach auf eine neue Plattform werfen?

Wie wird es in der Medienlandschaft aussehen, wenn der erste echte Nachrichtenkanal in YouTube kommt? Was wird passieren, wenn ein gesponsorter YouTuber jeden Tag eine gute Verbrauchersendung oder eine interessante Talk-Sendung hochlädt? Bisher überzeugt YouTube noch im Unterhaltungsbereich. Was wird aber passieren, wenn Politik, Gesellschaft und Information ihren Weg in dieses Medium finden? Kann dann das traditionelle Fernsehen noch bestehen? Ich fürchte, dass das Fernsehen YouTube gar nicht als Konkurrenz wahrnimmt.

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