Effektives Vokabellernen mit den Neuen Medien in der Oberstufe – eine echte Kompetenz

Vokabellernen in der Oberstufe ist weit mehr als das Nachschlagen von Wörtern. Es ist eine komplexe, produktive, kreative, aber auch eigenverantwortliche Kompetenz, die dem Schüler nie wirklich beigebracht wurde.

Meine Definition von Vokabellernen

Dieser Beitrag zeigt einen möglichen Weg, wie man mit den Neuen Medien diese Kompetenz vermitteln kann.

Kaum eine andere Lernleistung in der Schule ist so stark ritualisiert und gleichzeitig so uneffektiv und wenig organisiert wie das Lernen von Vokabeln. In den meisten Fällen werden Vokabelhefte verwendet, für die es oft sogar innerhalb einer Fachschaft keine einheitlichen Vorgaben gibt. Der eine Lehrer lässt die „Mittelspalte“ mit abschreiben, der andere Lehrer die phonetischen Symbole, wieder ein anderer ist der Meinung, dass es in der zehnten Klasse keinen Sinn mehr ergibt noch ein Vokabelheft zu führen, nur damit der nächste Lehrer in der Oberstufe wieder eines einführt. Dann und wann sammelt ein Lehrer den kompletten Klassensatz ein und ist dann enttäuscht, dass die Vokabeln bestenfalls lückenhaft eingetragen wurden. Bei dieser Aktion stößt er auch auf ein bis zwei Schüler, die stattdessen mit der ominösen Lernkartei ihre Wörter lernen, weil sie das im Vorjahr von ihrem Fremdsprachenlehrer als die beste Methode vorgestellt bekommen haben.

Die Befürworter des klassischen Vokabelhefts argumentieren häufig mit Phrasen wie „Durch die Hand in den Verstand“, „Durch die Bewegung der Hand beim Schreiben werden Wörter besser im Gehirn verankert“, oder führen die lernpsychologischen Erkenntnisse zu den Lerntypen von Vester aus der Mitte der 1970er Jahren an, die bei genauerer Betrachtung eigentlich sogar das Gegenargument für das Führen eines Vokabelhefts sein könnten.

Schüler erhalten in der Unter- und Mittelstufe ein Bild vom Vokabellernen, das mechanisch, unkreativ, unstrukturiert, nicht eigenverantwortlich und schlichtweg langweilig ist. Diese Vorstellung nehmen sie natürlich mit in die Oberstufe, in der der Vokabelarbeit eine völlig neue Rolle zukommt. „Bereitet den Text bitte bis zur nächsten Stunde vor und schlagt die unbekannten Vokabeln nach“, lautet die Standardhausaufgabe, wenn ein neuer Text in der gymnasialen Oberstufe durchgenommen wird. Eigentlich ist es nur logisch, dass diese Aufgabe nicht zufriedenstellend erledigt werden kann. Woher soll der Schüler diese Kompetenz überhaupt nehmen? In der zehnten Jahrgangsstufe hat der Schüler zwar sein Wörterbuch erhalten und eine Kurzeinführung in dessen Benutzung, aber das reine Nachschlagen von Wörtern aus einem Buch führt doch noch lange nicht zu einem Lernprozess. Kann der Schüler mehrere Wörter aus dem Text auch in seinen aktiven Wortschatz übernehmen? Ist er in der Lage, die Vokabel in unterschiedlichen Kontexten zu verwenden? Beherrscht er die korrekte Aussprache der Vokabel in der Fremdsprache? Die ernüchternde Antwort folgt zumeist in der darauffolgenden Unterrichtsstunde. Beim Vorlesen des Textes werden Wörter falsch oder gar nicht ausgesprochen und aus der nicht vorhandenen Prosodie wird jedem sofort klar, dass der Schüler nicht die geringste Ahnung hat, was er da gerade von sich gegeben hat. Die häusliche Vorbereitung von Texten durch effektives Vokabellernen findet in der schulischen Realität nur in Ausnahmefällen statt.

Vokabellernen in der Oberstufe ist weit mehr als das Nachschlagen von Wörtern. Es ist eine komplexe, produktive, kreative, aber auch eigenverantwortliche Kompetenz, die dem Schüler nie wirklich beigebracht wurde.

Die Arbeit mit einem klassischen Wörterbuch kann natürlich nicht ersetzt werden. Die zugelassenen Wörterbücher werden auch noch in absehbarer Zukunft die einzige Möglichkeit sein, in Klausuren oder großen Leistungsnachweisen Lücken in der Lexik und beim Textverständnis zu schließen. Die Ausweitung des aktiven Vokabulars und die damit einhergehende Verbesserung der Ausdrucksfähigkeit sind hingegen längerfristige Prozesse, die zu Hause und unter Verwendung der geeigneten Hilfsmittel und Medien stattfinden müssen. Das Wörterbuch hat hier schon lange ausgedient.

Die Neuen Medien bieten hier optimale Werkzeuge, die jeder einzelne Schüler für sich oder auch vernetzt mit seinen Mitschülern nutzen kann. Das Lernen von Vokabeln kann um ein Vieles besser organisiert und das Niveau und die Geschwindigkeit, mit der Texte im Unterricht bearbeitet werden, deutlich erhöht werden. Das Unterrichtsgeschehen wird entzerrt und effektiver, die Ausdrucksfähigkeit, der aktive Wortschatz und das Faktenwissen erweitert.

Im Folgenden wird ein Online-Vokabellernkonzept für die gymnasiale Oberstufe vorgestellt, das völlig kostenlos und datenschutzrechtlich unbedenklich ist, aus den drei Arbeitsschritten Vorarbeit, Durchführung und Überprüfung besteht und bestimmte freie und kostenlos verfügbare Informations- und Lernportale im Internet nutzt. Die Bestandteile und der Aufbau des Konzepts sind natürlich individuell an die Gegebenheiten anpassbar und es könnten auch nur Teilaspekte davon für den Unterricht Verwendung finden. Es ist z.B. nicht unbedingt notwendig, die Lernplattform mebis zu nutzen. Der Vollständigkeit halber soll das Lernkonzept zu Beginn detailliert vorgestellt werden. Das nachfolgende Konzeptbeispiel bezieht sich auf das Fach Englisch, kann aber nach demselben Prinzip für jede andere Sprache angewendet werden.

Schritt eins: Vorarbeiten

Die Schüler müssen zu Hause oder in der Schule an einem Rechner mit Internetzugang arbeiten können. Für bestimmte Webseiten wird eine Anmeldung benötigt. Dies sind mebis (mebis.bayern.de), quizlet.com und visualthesaurus.com. Die Anmeldedaten für mebis erhält man als Lehrer vom jeweiligen mebis-Koordinator an der Schule. Die Schüler müssen in den mebis-Kurs eingeschrieben werden und dort die Rolle Schüler erhalten. In diesem mebis Kurs muss zudem ein offenes Forum eingerichtet sein (in blog-ähnlicher Form), damit die Schüler ihre digitalen Ergebnisse dort ablegen können. Falls vom Lehrer gewünscht, kann er auch die Funktion „Aufgabe“ bei mebis wählen. Dann kann die Einreichung der Dateien zeitgesteuert freigeschaltet oder wieder geschlossen werden. Bei diesem Weg ergeben sich weitere Optionen, z.B. eine Klassenübersicht der eingereichten oder nicht-eingereichten Dateien oder die Möglichkeit eines Schülerfeedbacks. Die Schüler sollen sich bei diesen Diensten registrieren und ihre Login-Daten stets bereit halten.

Bevor die Vokabelarbeit beginnt, sollte der Webbrowser noch angepasst werden, um die Arbeit schnell und angenehm zu gestalten. Jeder Browser lässt sich durch Add-ons in seiner Funktionalität erweitern. Für das schnelle Übertragen von einzelnen Vokabeln zwischen Programmen oder geöffneten Internetseiten bietet sich ein automatisches Copy-Paste Add-on an. Für den Browser Firefox ist z.B. das Add-on „Auto-Copy 2“ empfehlenswert. Nach der Installation werden alle Phrasen und Begriffe, die markiert werden, automatisch in die Zwischenablage des Computers gelegt und können entweder durch eine frei definierbare Tastenkombination oder durch Strg+V in Suchfelder auf Internetseiten schnell eingefügt werden.

Für die digitale Vokabelarbeit bietet es sich natürlich an, auch digitale Texte zu verwenden oder zumindest die Internetquelle des Textes auf dem Ausdruck mit anzugeben. Statt den Text herkömmlich aus dem Internet mit Copy-paste in ein Worddokument zu verwandeln, diesen zu formatieren und dann als Kopie im Unterricht zu verteilen, kann man auch den volldigitalen Weg gehen. Der Text wird vom Lehrer formatiert, z.B. mit einem eineinhalbfachen Zeilenabstand, um nach dem Ausdrucken Wortbedeutungen händisch hineinschreiben zu können. Zudem kann der Lehrer Sinnabschnitte und Zeilenzahlen hinzufügen, um die Orientierung zu erleichtern. Dieses digitale Textmaterial wird bei mebis hinterlegt, so dass sich jeder Schüler den Text zuhause herunterladen und ausdrucken kann. Im Text selbst ist die Internetquelle als Hyperlink eingefügt. Dies geschieht am besten mit einem URL-shortener, also einem Onlinedienst wie z.B. tinyurl.com oder goo.gl. Somit hat der Schüler eine für alle Schüler gleiche, analoge Textvorlage, in der er hineinarbeiten kann und einen Internetlink, mit dem er effektiv die Vokabeln bearbeiten kann.

Schritt 2: Durchführung:

Nun sind im Webbrowser folgende Internetseiten gleichzeitig zu öffnen:

Am besten lässt sich dies bewerkstelligen, wenn man von jeder Seite ein Lesezeichen im Browser erzeugt. Durch Bündelung und Konfiguration der Lesezeichen im Browser kann dann die Option „alle Lesezeichen in Tabs öffnen“ anwählen. Somit öffnen sich mit nur wenigen Klicks alle benötigten Seiten nebeneinander im Webbrowser.

Bei Linguee.com handelt es sich um ein Online-Wörterbuch, bei dem man komplette Ausdrücke und Phrasen eingeben kann und eine Übersetzung in der gewünschten Zielsprache erhält. Linguee ist nicht nur ein gutes redaktionell gepflegtes Wörterbuch, dessen Treffer zuerst angezeigt werden, sondern auch eine Suchmaschine, die Millionen von Webseiten durchsucht und kontextualisierte Übersetzungen anbietet ohne einen Online-Translator zu verwenden. Dadurch erscheint der gesuchte Begriff in unterschiedlichen Kontexten. Dies ist wichtig, um die für den Text relevante Bedeutung herauszufiltern. Das englische Wort „mole“ z.B. kann Mole, Maulwurf, Muttermal, oder die chemische Maßeinheit Mol bedeuten. Linguee liefert zu jeder Bedeutung einen Kontextsatz, mit dessen Hilfe die richtige Wortbedeutung im speziellen Kontext einfach gefunden werden kann.

Linguee hilft dem Schüler somit, die für ihn relevante Wortbedeutung im Kontext zu erfassen und einen schnellen Überblick über die möglichen Bedeutungsunterschiede in der Zielsprache zu bekommen.

Als nächstes werden die Vokabel und die deutsche Bedeutung, die für die Bearbeitung des Textes relevant ist und die korrekte Aussprache in einer digitalen Lernkartei festgehalten. Dazu wird das Internetangebot quizlet.com verwendet. Durch die Copy-paste Funktion des Add-ons wird die Vokabel in eine neue Lernkartei eingefügt, der Sprache Englisch zugordnet und die Zielsprache festgelegt. Durch einen Klick werden nun die möglichen deutschen Lösungen angezeigt. Der Schüler wählt nur noch die richtige Vokabel aus, die er durch das Ausschlussverfahren mit Linguee ermittelt hat. In seltenen Fällen kann es notwendig werden, dass die deutsche Entsprechung eingetippt werden muss. Um die Vokabeln zu visualisieren, kann der Schüler noch Bilder zu seiner Lernkarte hinzufügen. Nachdem die Lernkartei erstellt wurde, kann der Schüler diese mit seinen Mitschülern teilen oder den Link auf mebis stellen. So können einzelne Schüler oder ganze Kurse die einfachen Wortbedeutungen lernen und die korrekte Aussprache der Vokabel anhören.

Zuletzt werden weitere Lernkarteien auf Quizlet erstellt, in der Definitionen, Synonyme, Antonyme, Wortfamilien, etc. ergänzt werden. Die Quellen hierfür sind die oben genannten Online-Dictionaries, Linguee und Wikipedia. Das Oxford Dictionary bietet z.B. weiterführende Links in der Kategorie „compare“, „see also“, das Macmillan Dictionary und das Angebot visualthesaurus.com liefern ebenfalls zahlreiche Wortsammlungen, Über- und Unterbegriffe. Mit Hilfe der Kontexte von Linguee und ganz besonders der englischsprachigen Wikipedia lassen sich einfach Lückentext-Lernkarteien erstellen. Besonders hilfreich ist hierbei die Simple-English Version der Wikipedia, in der die Artikel sehr einfach und kurz gehalten sind.

Hier exemplarisch Wikipedia-Einträge in Auszügen in (Simple) English für „mole“ im Sinne von Mole, Maulwurf, Muttermal und Mol:

The oldest known mole is at Wadi al-Jarf, an ancient Egyptian harbor complex on the Red Sea.

Moles are animals found in North America, Europe and Asia. They eat insects, larvae or tiny worms. Moles have velvety, soft fur. They have powerful front paws so they can dig. A mole has an extra thumb.

The majority of moles appear during the first two decades of a person’s life, with about one in every 100 babies being born with moles.

One mole of something is equal to 6.0221415×1023 of it.

Nach Einübung der Techniken kann die Erstellung und Bearbeitung der unterschiedlichen Quizlet-Dateien arbeitsteilig als Hausaufgabe erledigt werden. Die fertigen Quizlet Lerndateien können über die Funktion „Share“ als Kurz-URL bei mebis in das Forum gepostet werden. Nun steht jedem Schüler eine digitale Vokabeldateisammlung mit interaktiven Übungen, der korrekten Aussprache, Bildern, Beispielsätzen, Lücktextsätzen, Synonyme, Antonyme und Vieles mehr zu Verfügung. Die von den Schülern erstellten Dateien können auf Quizlet so konfiguriert werden, dass sie man sie weiter bearbeiten kann, auch wenn man sie nicht erstellt hat. So lassen sich Fehler einfach, am besten durch peer-to-peer correction, verbessern. Quizlet bietet zudem eine kostenlose App für Smartphones an, womit alle Vokabelsätze auch mobil abrufbar sind. Daneben gibt es auch die Möglichkeit die Listen in verschiedenen Formaten auszudrucken und die Rohdaten in unterschiedlichen Formaten zur digitalen Weiterbearbeitung herunterzuladen.

Schritt 3: Überprüfung

Die schulinterne Regelung zum Abhalten von angekündigten Tests bietet eine hervorragende Möglichkeit, Vokabeln schriftlich abzufragen und zu benoten. Besonders am Ende einer Themeneinheit kann ein angekündigter Vokabeltest für einen kontinuierlichen Arbeitseinsatz sorgen. Die Erstellung von Tests ist durch den Import der Rohdaten aus Quizlet in Textverarbeitungsprogramme denkbar einfach.

Die Arbeit mit digitalen Vokabeln hat sich in der Unterrichtspraxis als sehr praktikabel und effektiv erwiesen. Es werden mehr Vokabeln besser gelernt. Sicherlich wird es immer Schüler geben, die man auch über dieses Medium nicht erreichen wird, aber diese Form der Vokabelarbeit hat deutliche Mehrwerte zur traditionellen Form. Auch von Lehrerseite wird Kritik an diesem Konzept geübt. Viele beklagen die Virtualität des Lernens und die Vernachlässigung des händischen Schreibens. Ob eine Vokabel, die in ein virtuelles System korrekt eingetippt wird im darauffolgenden analogen Test nicht richtig handschriftlich niedergeschrieben werden kann, sei als ungeklärte Forschungsfrage im Bereich der Lernpsychologie erst einmal dahingestellt. Die koordinierte Vorgehensweise, die Möglichkeit der Arbeitsteilung, die korrekte Sprachausgabe, die Angebote zum selbstverantwortlichen Lernen und zur Selbstevaluation, die weiterhin bestehende Möglichkeit analog zu arbeiten, die saubere digitale Ablage, die Fokussierung des Unterrichtsgeschehens auf das Wesentliche, der Spaß an der sinnvollen Beschäftigung mit den Neuen Medien und nicht zuletzt die Arbeitserleichterung für den Lehrer sind echte Mehrwerte.

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